„Jesus*made in Frankfurt“ – amor est modus vivendi

„Jesus*made in Frankfurt“ – Zur theologischen Legitimität eines kulturellen Narrativs

Ein Beitrag von Mike Kuhlmann zur dogmengeschichtlichen Bedeutung der Frankfurter Synode von 794

Einleitung

Die Formulierung „Jesus*made in Frankfurt“ erscheint auf den ersten Blick unkonventionell und fast provokativ. Doch bei genauerer historischer und theologischer Analyse erweist sich diese Wendung als zutreffend und legitim: Sie verweist auf ein zentrales Ereignis der frühmittelalterlichen Christologie, das in der dogmengeschichtlichen Rezeption bislang unterbewertetwurde – die Frankfurter Synode von 794.

  1. Die Frankfurter Synode von 794 – Ein dogmatischer Wendepunkt

Die Synode wurde auf Initiative Kaiser Karls des Großen einberufen und vereinte Bischöfe des fränkischen Reichs, um eine theologische Antwort auf die Adoptionistenlehre zu formulieren, die vor allem in den Kirchenprovinzen des westgotischen Hispaniens verbreitet war.

Vertreter dieser Lehre – insbesondere Elipandus von Toledo und Felix von Urgell – behaupteten, Jesus Christus sei in seiner menschlichen Natur nicht von Natur aus der Sohn Gottes, sondern lediglich durch Annahme („Adoptio“)¹.

Die Frankfurter Synode wies diese Lehre entschieden zurück und erklärte die Auffassung der Wesensgleichheit Christi mit dem Vater – wie sie bereits auf dem Konzil von Nicäa (325) und erneut in Nicäa II (787) vertreten wurde – zur verbindlichen Position.²

Frankfurt wurde damit zu einem Ort der dogmatischen Vergewisserung, an dem sich das trinitarische Denken im westlichen Christentum festigte – nicht im Rahmen eines ökumenischen Konzils, wohl aber mit politischer Autorität und theologischer Tragweite

 

  1. Frankfurt als dogmatischer Ort

Vor diesem Hintergrund erhält die Aussage „Jesus*made in Frankfurt“ eine sachlich zutreffende Bedeutung:

Sie verweist nicht auf die Geburt oder das irdische Wirken Jesu, sondern auf den historischen Moment seiner endgültigen Anerkennung als Gott im dogmatischen Diskurs des Westens.

Analog zu Begriffen wie „Christus von Chalcedon“ (Zwei-Naturen-Lehre, 451) oder „Gott von Nicäa“ (Wesensgleichheit, 325) kann Frankfurt als dogmatischer Erinnerungsort verstanden werden, an dem Jesus als wesensgleicher Sohn Gottes gegen eine alternative Lesart (Adoptionismus) durchgesetzt wurde.⁴

  1. Anthropologische Implikation: Liebe als göttliche Substanz

Aus christologischer Perspektive folgt aus der dogmatischen Gottheit Jesu, dass seine Wesensmerkmale – insbesondere die von ihm verkörperte Liebe – nicht nur moralische Orientierung bieten, sondern ontologische Geltung beanspruchen.⁵

Wenn Jesus als Person der Liebe zugleich Gott von Gott, Licht vom Licht ist (Credo), dann ist Liebe selbst als göttliche Substanz zu begreifen – nicht als bloße Tugend, sondern als Ausdruck der Trinität.

Aus dieser Perspektive ergibt sich eine anthropologische Folgerung:

Der Mensch, geschaffen im Bild Gottes, wird in seiner höchsten Berufung als Liebewesen erkennbar – als Homo amori.⁶

Diese anthropologische Lesart schließt an Denkfiguren von Augustinus („ama et quod vis fac“), Bernhard von Clairvaux, Teilhard de Chardin sowie an die theologische Anthropologie Karl Rahners an.⁷

  1. Erinnerung und Erneuerung * Die Vergöttlichung der Liebe

Die gegenwärtige Rezeption des Dogmas leidet nicht selten unter Vergeistigung, Abstraktion oder Musealisierung. Die Rückbindung an historisch konkrete Orte, wie sie mit „Jesus made in Frankfurt“ intendiert ist, kann helfen, die lebendige Dynamik des Dogmenbildungsprozesses wieder erfahrbar zu machen.

Zugleich bietet dieser Ansatz eine fruchtbare Brücke zur gegenwärtigen Verkündigung:

Jesus ist Liebe, und wenn Jesus Gott ist, dann ist Gott Liebe.

Fazit

Die Formel „Jesus*made in Frankfurt“ verweist auf die Frankfurter Synode als Ort der Verwerfung des Adoptionismus, als Bestätigung der Wesensgleichheit Christi, und – in ihrer spirituellen Tiefendimension – als Geburtsstätte einer trinitarisch fundierten Liebesanthropologie.

Amo: ideo sum – Ich liebe, dafür bin ich.

 

Der Gott, der in Frankfurt als Gott festgeschrieben wurde, ist Liebe.

Der Gott in uns ist Liebe. Amor est modus vivendi

Mike Kuhlmann *2025

Fußnoten

  1. Josef Fessler: Institutiones Patrologiae, Band 2, Innsbruck 1850, S. 262–265.
  2. Theodor Schieffer: Die Frankfurter Synode von 794, in: Historisches Jahrbuch 69 (1950), S. 21–42.
  3. Hubert Mordek: Kirchenrecht und Reform im Frankenreich, Berlin/New York 1975, S. 202–209.
  4. Walter Ullmann: The Carolingian Renaissance and the Idea of Kingship, London 1969.
  5. Hans Urs von Balthasar: Theodramatik III – Die Handlung, Einsiedeln 1980, bes. S. 327–345.
  6. Jürgen Werbick: Glaube als Lebenssinn. Einführung in die theologische Anthropologie, Freiburg 1995, S. 117–134.
  7. Pierre Teilhard de Chardin: Le Milieu Divin, Paris 1957. Dt.: Der göttliche Bereich, Düsseldorf 1958.

 

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